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Erinnerungstag im Deutschen Fußball: Führung "Schicksale jüdischer Eintrachtler" im Vorfeld der Partie gegen Gladbach
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Auch bei der Eintracht mussten in der Zeit des Nationalsozialismus Sportler, Funktionäre und Anhänger den Verein verlassen. Ein Eintrachtler, der sich über Jahre für den Verein engagiert hatte, war Dr. Paul Blüthenthal. Geboren 1897 machte Blüthenthal 1916 am Kaiser-Friedrich-Gymnasium sein Abitur. Vermutlich war er zu diesem Zeitpunkt schon Mitglied des Eintracht-Vorgängers Frankfurter Fußball-Verein. Nach dem Abitur studierte er Jura und erhielt im Oktober 1924 seinen Doktortitel. In der Alten Rothofstraße betrieb er gemeinsam mit einem Vereinskameraden eine Rechtsanwaltspraxis. Ende der 1920er Jahre wurde Blüthenthal Abteilungsleiter der Leichtathletikabteilung, darüber hinaus engagierte er sich im Verein in der Satzungskommission. 1929 wurden Paul und sein Bruder Ernst von der Eintracht mit der Ehrennadel ausgezeichnet. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten trat Blüthenthal, der jüdischen Glaubens war,  aus dem Verein aus. In der „Stuttgarter Erklärung“ hatten 14 süddeutsche Vereine, darunter die Eintracht, ihre Mitarbeit „insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen“ angeboten. Im Frühjahr 1933 wurde dem ehemaligen Abteilungsleiter von der Anwaltskammer die Zulassung entzogen, fortan arbeitete Blüthenthal als kaufmännischer Angestellter in einer Schuhfabrik. Als die Verfolgung durch die Nationalsozialisten immer brutaler wurde, beschloss er, auszuwandern. Gemeinsam mit seiner Frau Gertrud und den drei Kindern Ines, Michael und Irene, wanderte Paul Blüthenthal Anfang 1939 nach Chile aus. Von seiner neuen Heimat aus bemühte sich Blüthenthal verzweifelt, auch die Auswanderung seiner Mutter Bertha zu organisieren, die zunächst in Frankfurt geblieben war. Mit Datum vom 5. März 1942 vermerkte die Devisenstelle: „Die Auswanderung ist in absehbarer Zeit nicht möglich. Die Umzugslisten sind zurückgegeben worden.“ Bertha Blüthenthal wohnte mittlerweile mittellos in einem sogenannten „Judenhaus“ in Wiesbaden, in dem jüdische Bürger im Vorfeld der Deportationen gesammelt wurden. Als die schriftliche Nachricht kam, dass sie am 10. Juni 1942 deportiert werden solle, schied die 65-Jährige am 8. Juni 1942 durch Freitod aus dem Leben. Das Schicksal von Pauls Bruder Ernst ist ungeklärt. Ernst versuchte über Frankreich oder Belgien in das US-amerikanische Exil zu fliehen. Ob ihm die Flucht gelang, ist nicht bekannt.

Paul Blüthenthal, der in Chile nicht mehr als Rechtsanwalt arbeiten konnte, machte sich in der neuen Heimat mit einer kleinen Bandfabrik selbständig. Die Geschäfte erlaubten der Familie nur ein äußerst bescheidenes Leben. Am 23. Januar 1947 verunglückte Paul Blüthenthal bei einem Geschäftstermin tödlich. Die Eintracht erinnerte erstmals in der Festschrift anlässlich des 50. Vereinsjubiläums 1949  an den ehemaligen Sportler und Funktionär, der den Verein 1933 wegen seines Glaubens verlassen musste.

In Wiesbaden erinnert das Aktive Museum Spielgelgasse derzeit an das Schicksal der Familie Blüthenthal. In der Schaukasten-Installation „Fragmente“ an der Webertgasse/Spiegelgasse ist Bertha Blüthenthal ein „Erinnerungsblatt“ gewidmet.

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