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Wir trauern um Ute Hering
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Um 9.15 Uhr ging am Riederwald nichts mehr. Um 9.15 Uhr war Frühstückszeit. Dann saßen Ute Hering und Stefan Hollander, Leiter der Vereinsorganisation, gemeinsam im Büro und diskutierten die Themen des Tages. Irgend etwas Leckeres hatte immer jemand mitgebracht, dazu der Pressespiegel und das Radio. Was gibt es neues bei der Eintracht? Wie schlägt sich die Jugend des Vereins? Was macht die Baustelle Riederwald? Und was ist sonst so los in Frankfurt, in Deutschland und auf der Welt?
Als erfahrener Riederwald-Mitarbeiter wagte man es nicht, ab 9.15 Uhr auch nur eine kleine Frage zu stellen. Und wer diese Erfahrung nicht hatte, der wurde kurz und prägnant belehrt: „Frühstück, komm in einer viertel Stunde wieder.“


Und tatsächlich: Ab halb Zehn ging am Riederwald die Post ab. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die große gelbe Kiste mit Zuschriften wurde sortiert, gesichtet, Briefe weitergeleitet oder beantwortet. Telefonate wurden vermittelt. Fragen beantwortet. Zwischendurch kurze Gespräche mit Mitarbeitern. „Ute, wo krieg ich denn...“. „Ute, wer kann mir denn...“. Für jedes Problem hatte sie eine Lösung, für jedes Anliegen einen Moment Zeit. Und auch in stressigen Momenten bewahrte sie den Überblick. Was bei der Eintracht ja manchmal gar nicht so einfach ist. „Acht Präsidenten habe ich bei der Eintracht miterlebt, wie viele Trainer es waren, weiß ich gar nicht. Aber es waren deutlich mehr“, erinnerte sich Ute Hering anlässlich ihres 25. Dienstjubiläums am Riederwald vor einigen Jahren und grinste. Peter Fischer ist der Präsident, mit dem sie am längsten zusammen arbeiten durfte. Ob Fischer den „Rekordpräsidenten“ der Eintracht, Rudi Gramlich, einst ablösen wird, wird Ute Hering nicht mehr erfahren. In der Nacht vom Freitag auf Samstag verstarb die langjährige Mitarbeiterin der Eintracht im Alter von nur 55 Jahren.


ute_hering_gross.jpg Anfang der 1980er Jahre kam Ute Hering an den Riederwald. Damals war sie angestellt bei der Werbeagentur Birkholz und Schnell, die für die Eintracht unter anderem die Stadionzeitung herausbrachte. „Der damalige Eintracht-Manager Jürgen Tresselt hat eine Sekretärin gesucht und sich um mich bemüht“, erinnerte sich Ute an die ersten Kontakte zur Geschäftsstelle der Eintracht. Die gebürtige Frankfurterin war zu diesem Zeitpunkt gar kein großer Eintrachtfan. Einer Familientradition folgend drückte sie dem BSC Schwarz-Weiß die Daumen. Erst durch den beruflichen Wechsel wurde sie zum Anhänger der Riederwälder. Denn die Hauptakteure des Vereins lernte sie nach und nach hautnah kennen und schätzen. Vor dem Umzug der Profis an das Waldstadion im Jahr 2001 musste jeder Spieler an Utes Büro am Riederwald vorbei. Und viele blieben, zum  Kaffee trinken, zum plaudern oder zum Herz-Ausschütten. Ganze Spieler- und Trainergenerationen gönnten sich noch einen Kaffee bei Ute, hier saßen von Ralf Falkenmayer über Dietrich Weise  und Lajos Detari bis zu Jan-Aage Fjortoft die großen Namen der Eintrachtgeschichte – und erzählten. Auch die alten Helden schauten regelmäßig vorbei, Dieter Lindner, Adolf Bechtold oder Jürgen Grabowski. Und sie vergaßen Ute nicht:  Im vergangenen Jahr war der Schwede Jan Svensson, Eintrachtspieler der 1980er Jahre, beruflich in Frankfurt. Wen besuchte er als Erstes? Ute Hering in der Geschäftsstelle am Riederwald.

Was Spieler, Trainer und Mitarbeiter an Ute besonders schätzten, war ihre freundliche, verbindliche Art. Trotz der vielen Arbeit, zuletzt als Assistentin des Präsidiums, hatte sie stets ein offenes Ohr und bemühte sich, Probleme aus dem Weg zu räumen. Sie war unersetzliche Fachfrau für das Innenleben eines so facettenreichen Vereins wie der Eintracht, sie war verschwiegen und verstand es, in Spannungsfeldern sensibel zu vermitteln. Und sie sorgte für Menschlichkeit. Langjährige Mitglieder, die „nur mal auf einen Kaffee“ reinschauten, wurden trotz aller Arbeit nie abgewiesen. Und wenn sich ein verdienter Eintrachtler mal einige Wochen nicht meldete, fiel ihr das sofort auf. Dann fuhr sie nach der Arbeit höchstselbst bei dem Betreffenden vorbei und sah nach dem Rechten.

Mit den Fußballern der Eintracht zitterte sie immer ganz besonders mit. Der Pokalsieg 1988 bescherte ihr im Vorfeld eine ganze Menge Organisationsstress, den sie angesichts des gewonnenen „Potts“ aber mit einem Augenzwinkern abtat. In den 1990er Jahren organisierte sie gemeinsam mit Rainer Falkenhain die Europapokalreisen der Eintracht und erlebte tolle Spiele. Ute Hering erlebte aber auch Katastrophen. „Nach dem 0:5 in Kopenhagen haben uns ja die eigenen Fans vor Ort übel beschimpft.“ Und sie erlebte Rostock 1992, ein Ereignis das auch Ihr nachhaltig in Erinnerung blieb: „Mein Gott, hab ich damals geheult“. Nach der Ausgliederung des Profifußballs in die Eintracht Frankfurt Fußball AG im Jahr 2000 hatte Ute am Riederwald keinen unmittelbaren Kontakt mehr mit dem Tagesgeschäft der Bundesliga. Aber bei großen Ereignissen half sie den Kolleginnen und Kollegen der Fußball AG ganz selbstverständlich aus: Im Vorfeld des DFB-Pokalspiel 2006 wollte man auf Ihre Erfahrungen nicht verzichten und so sorgte sie in Berlin gemeinsam mit Dunja Lützenkirchen dafür, dass jeder VIP-Kunde sein Ticket für das große Finale bekam. Am Tag des Endspiels saß Ute im Hotel im improvisierten Büro, organisierte die Kartenausgabe ganz professionell und war doch aufgeregt wie jeder andere Fan, sie konnte den Anpfiff kaum abwarten. Auch als die „Schmach von Kopenhagen“ ausgebügelt wurde, war Ute dabei. 2006 reiste sie mit dem Eintrachttross zum Europapokalspiel bei Brondby und bejubelte den Einzug in die Gruppenphase.

Axel Hellmann, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des e.V., hat anlässlich einer kleinen Feierstunde zum 25. Dienstjubiläum von Ute Hering vor einigen Jahren gesagt: „Ganz im Ernst, ohne Ute Hering würde am Riederwald nichts laufen. Ihre Erfahrungen und ihr Engagement sind für den Verein unbezahlbar.“  Damit hatte er Recht. Denn neben aller fachlichen Kompetenz – kaum einer kannte unsere Eintracht so gut wie Ute Hering. Keiner konnte so gute Tipps geben, wie dieser Verein funktioniert, was möglich ist und was man lieber lassen sollte. Die Tipps von Ihr gab es immer, auch im Urlaub, abends oder im Krankheitsfall: Allerdings nie zwischen 9.15 Uhr und 9.30 Uhr, wenn Sie gemeinsam mit Stefan Hollander beim Frühstück die aktuelle Lage des Vereins diskutierte.

Ute Hering verstarb in der Nacht vom Freitag auf Samstag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von nur 55 Jahren. Unsere Gedanken sind auch bei ihrem Lebensgefährten Lothar, der Ute in den letzten Wochen eine große Stütze war. Wir werden Ute Hering schmerzlich vermissen.

Die Zeichnung von Ute Hering wurde vom bekannten Frankfurter Maler und Grafiker Erich Dittmann (1916-1999) anlässlich eines Portraits über Ute in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im August 1994 angefertigt. (Quelle: www.erich-dittmann.de, vielen Dank an Prof. W. Dittmann.)

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